← JournalNovember 2023 · aktualisiert November 2026 · 4 Min. Lesezeit

Was die Natur liefert: botanische Düfte in der Parfümerie

Botanische Duftstoffe sind Substanzen, die Pflanzen zum Schutz, zur Verständigung oder zum Anlocken von Bestäubern bilden. Gewonnen werden sie vor allem durch Wasserdampfdestillation, Kaltpressung oder Extraktion, oft mit enormem Aufwand.

Was die Natur liefert: botanische Düfte in der Parfümerie

Ein Zirbenwald riecht an einem kalten Morgen nach fast nichts. Am Nachmittag desselben Tages, wenn die Sonne eine Weile auf die Stämme geschienen hat, riecht er nach Harz, so deutlich, dass man es schon von Weitem bemerkt. Die Bäume haben sich nicht verändert, nur die Temperatur. Und mit ihr die Menge an Duftstoffen, die sie an die Luft abgeben.

Die Parfümerie lebt seit jeher von solchen Stoffen. Doch die Pflanzen bilden sie nicht für uns, und der Weg vom Baum in den Flakon ist länger, als man denkt.

Kurz gesagt: Botanische Duftstoffe sind Substanzen, die Pflanzen zum Schutz, zur Verständigung oder zum Anlocken von Bestäubern bilden. Gewonnen werden sie vor allem durch Wasserdampfdestillation, Kaltpressung oder Extraktion, oft mit enormem Aufwand. Moderne Parfums verbinden solche Naturstoffe mit im Labor entwickelten Duftstoffen, eine Verbindung, die bereits 1889 begann.

Warum Pflanzen duften

Duft ist für Pflanzen eine Sprache. Blüten locken damit Bestäuber an, Holz und Rinde wehren mit ihren Harzen und Inhaltsstoffen Pilze und Insekten ab. Im Kernholz der Zirbe steckt zum Beispiel Pinosylvin, ein Stoff, den Pilze und Bakterien nicht vertragen, und der zugleich dafür sorgt, dass das Holz so lange duftet.

Manchmal ist diese Sprache erstaunlich raffiniert. 1990 beschrieben der Biologe Ted Turlings und seine Kollegen in der Zeitschrift Science, was eine Maispflanze tut, wenn Raupen an ihren Blättern fressen: Sie gibt Duftstoffe ab, die Schlupfwespen anlocken, und diese legen ihre Eier in die Raupen. Die Pflanze ruft sich gewissermaßen Hilfe.

Und manchmal kann man den Duft der Bäume sogar sehen. An warmen Tagen geben viele Bäume Isopren und verwandte Stoffe ab, die in der Luft mit Ozon reagieren und einen feinen Dunst bilden. Der Biologe Frits Went vermutete schon 1960, dass dieser Dunst den bläulichen Schleier über bewaldeten Bergen mit erklärt. Die Blue Ridge Mountains in den USA verdanken diesem Schimmer ihren Namen.

Wie aus einer Pflanze ein Duftstoff wird

Die meisten pflanzlichen Duftstoffe werden durch Wasserdampfdestillation gewonnen. Heißer Dampf zieht die flüchtigen Stoffe aus dem Pflanzenmaterial, kondensiert und trennt sich danach in Wasser und ätherisches Öl. So entsteht auch Zirbenöl: Im Pitztal, aus dem unser Öl stammt, gewinnt eine Brennerei aus rund einer Tonne gehäckseltem Zirbenholz etwa einen Liter.

Bei Blüten ist das Verhältnis noch extremer. Für ein Kilogramm Rosenöl aus dem bulgarischen Rosental braucht man 3.000 bis 3.500 Kilogramm Blüten. Gepflückt wird Ende Mai und Anfang Juni, und nur zwischen fünf und elf Uhr morgens, weil der Duft mit der Mittagshitze nachlässt.

Zitrusfrüchte dagegen kommen ganz ohne Hitze aus. Ihr Öl sitzt in winzigen Drüsen der Schale und wird kalt herausgepresst, deshalb riecht Zitronenöl so nah an der frischen Frucht. Und für Blüten, die Hitze nicht vertragen, nutzt man Extraktion mit Lösungsmitteln. Das Ergebnis heißt Absolue und ist oft die dichteste, wertvollste Form eines Duftes.

Natur und Labor

Lange Zeit bestand jedes Parfum ausschließlich aus Naturstoffen. Das änderte sich im 19. Jahrhundert, und zwar auf eine Weise, die gut zu den Alpen passt. Den Chemikern Wilhelm Haarmann und Ferdinand Tiemann gelang es, Vanillin herzustellen, den Hauptduftstoff der Vanille. Ihr Ausgangsstoff war nicht die Vanilleschote, sondern der Saft von Nadelbäumen.

1889 brachte Aimé Guerlain Jicky heraus. Es gilt als erstes Parfum, das Naturstoffe mit künstlich hergestellten Duftstoffen verband, darunter Cumarin, der Duft von frischem Heu, und eine Form von Vanillin. Und es war, so beschreibt es das Smithsonian Magazine, eines der ersten Parfums, das Gefühle wecken wollte, statt nur Blumen nachzuahmen.

Seitdem sind Natur und Labor in der Parfümerie keine Gegensätze, sondern Partner. Manche Noten lassen sich aus der Natur gar nicht gewinnen, etwa ein Akkord, der an Kaschmir-Wolle erinnert. Andere wären nur auf Kosten von Tieren zu haben, wie Moschus, der früher vom Moschustier stammte. Und Naturstoffe haben eine Eigenart, die man kennen sollte: Sie sind nicht jedes Jahr gleich. Wetter, Boden und Erntezeit verändern sie, ähnlich wie bei Wein. Gerade das macht sie lebendig, und es ist einer der Gründe, warum ein guter Naturstoff so wertvoll ist.

Was davon in unseren Düften steckt

In ARVE steckt beides. Am Anfang steht ein Naturstoff: Zirbenöl aus dem Kernholz, aus dem Pitztal in Tirol, luftgetrocknet und mit Wasserdampf destilliert. Dazu kommen Essenzen und Extrakte aus Naturstoffen und weitere Duftstoffe. Gemeinsam mit unserem Parfumeur Andreas Wilhelm in Zürich haben wir sie so verbunden, dass daraus zwei Momente geworden sind. Ein Morgen in ARVE Pétillant, mit Zitrone, Iris und Vetiver. Ein Abend in ARVE Chaleureux, mit Zimtrinde, Feigenblatt und Moos. Auf Duftstoffe tierischen Ursprungs verzichten wir.

Was bleibt

Vielleicht ist das Schönste an Naturstoffen, dass sie nie ganz stillhalten. Ein Zirbenwald riecht im Juli anders als im Oktober, eine Rose im Mai anders als im Juni, und keine Charge Zirbenöl gleicht genau der vorigen. Ein Parfum hält einen dieser Momente fest. Den Rest erledigt der Wald, jeden Tag aufs Neue.

Häufige Fragen

Was sind botanische Duftstoffe? Duftstoffe, die aus Pflanzen gewonnen werden, etwa aus Blüten, Blättern, Holz, Wurzeln, Harzen oder Fruchtschalen. Pflanzen bilden sie, um Bestäuber anzulocken, sich gegen Schädlinge zu wehren oder miteinander zu kommunizieren.

Wie wird ätherisches Öl gewonnen? Meist durch Wasserdampfdestillation. Zitrusöle werden kalt aus der Schale gepresst, empfindliche Blüten mit Lösungsmitteln extrahiert.

Wie viel Rohstoff braucht man für ein ätherisches Öl? Oft sehr viel. Für ein Kilogramm Rosenöl braucht man 3.000 bis 3.500 Kilogramm Blüten, für einen Liter Zirbenöl rund eine Tonne Holz.

Sind natürliche Duftstoffe besser als synthetische? Nicht grundsätzlich. Naturstoffe sind vielschichtig und schwanken von Ernte zu Ernte. Synthetische Duftstoffe ermöglichen Noten, die es in der Natur so nicht gibt, und ersetzen Stoffe tierischen Ursprungs. Die meisten modernen Parfums verbinden beides.

Welches war das erste moderne Parfum? Als erstes Parfum, das Naturstoffe mit synthetischen Duftstoffen verband, gilt Jicky von Aimé Guerlain aus dem Jahr 1889.

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